Sascha Roßmüller im BR: Wie die NPD hoffähig gemacht wird
22. September 2008 von SG
In Bayern ist demnächst Landtagswahl, und weil die CSU in letzter Zeit etwas glücklos agiert hat, ist es erstmals seit längerer Zeit dort wieder richtig spannend. Der Bayerische Rundfunk begleitet den Wahlkampf der Parteien und hat sich entschlossen, auch die nicht im Landtag vertretenen Parteien zu ihrem Programm und ihren Positionen zu befragen. Dazu waren (unter anderem) auch der Spitzenkandidat der NPD, Sascha Roßmüller, und der Spitzenkandidat der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP), Bernhard Suttner, ins Studio zum Kreuzverhör durch zwei Journalisten eingeladen worden.
Wie die Sendung dann ablief, lässt sich bei Youtube nachverfolgen: Nach einem ersten Interview mit Roßmüller kam Suttner an die Reihe und verließ empört das Studio, bevor Roßmüller ein zweites Mal befragt wurde. Was hatte Suttner so aufgeregt, dass er nicht bereit war, über das Programm der ÖDP zu sprechen, sondern ausschließlich über den Auftritt des NPD-Kandidaten zuvor? - In der Tat hatten sich die Journalisten des BR große Mühe gegeben, den Anschein zu erwecken, die NPD sei eine durchaus wählbare Partei und Sascha Roßmüller ein integerer Mann. Kritische Nachfragen jeder Art unterblieben; ganz offenbar hatten die BR-Interviewer (Andreas Bachmann und Matthias Keller-May) ziemliche Angst vor einem sehr souverän auftretenden NPD-Kandidaten, der so gar nicht dem Klischee des tumben Skinheads entsprach. Offensichtlich hatten sie auch im Vorfeld nicht sonderlich viel über ihren Gast recherchiert, denn da erfährt man durch eine einfache Google-Suche in wenigen Minuten eine Menge Unappetitliches über Roßmüller; so hat er anlässlich einer Demonstration in Nürnberg, auf die Nürnberger Prozesse anspielend, einmal angekündigt: “Dereinst werden ‘Andere’ in Nürnberg hängen.”. Darauf hätte man Roßmüller ja mal ansprechen können. Stattdessen zogen Bachmann und Keller-May es vor, mit Roßmüller über Prozentpunkte in der Arbeitslosenstatistik zu streiten. Den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad bezeichneten die nervösen Moderatoren gar als “Holocaustgegner”, und zu Roßmüllers Forderung, die Mittel für Aufklärung vor dem Rechtsextremismus an bayerischen Schulen zu streichen, sagte der BR-Mann nur “Klingt toll”. Man muss ihm wohl zugutehalten, dass er in dem Moment nicht wusste, was er da eigentlich sagte.
Ganz offensichtlich ist die NPD mittlerweile in der Lage, zumindest teilweise Kandidaten aufzubieten, die durchaus in der Lage sind, eine einigermaßen professionelle Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und die sich nicht mehr durch ihre reine Anwesenheit vor einer Kamera für jedermann unwählbar machen. Für einen bestimmten Wählerkreis im rechtskonservativen Milieu dürfte ein Programm, wie es Roßmüller zehn Minuten lang im BR ungefiltert präsentieren konnte, ansprechend wirken - gerade auch in Anbetracht einer CDU, die sich in vielen Dingen programmatisch in die Mitte bewegt hat (z. B. in der Familienpolitik). Erschreckend ist, wie gutbezahlte Journalisten des vermeintlichen Qualitätsfernsehens nicht in der Lage waren, die von Roßmüller vorgeführte Werbeshow zu hinterfragen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier nennt den Auftritt der Beiden zu Recht eine “Schande für den öffentlich-rechtlichen Journalismus”. Einzig der Kandidat der ÖDP, Bernhard Suttner, hatte offenbar schon während der Sendung erkannt, wie gefährlich die NPD-Show ist. Wenn man beim BR und anderswo nicht in der Lage ist, ordentlich nachzuhaken und vorher zu seinen Gästen etwas mehr zu recherchieren, ist es durchaus denkbar, dass die NPD bald in den ersten Landesparlamenten sitzt und wir es dann dort mit Sechsparteienparlamenten zu tun haben - mit allen negativen Folgen für die Regierbarkeit und allen positiven Folgen für die NPD.
(Eine Randbemerkung: Vollkommen wirklichkeitsfremd mutet es angesichts dieses öffentlich-rechtlichen Armutszeugnisses an, wenn in schöner Regelmäßigkeit Vertreter der konventionellen Medien - TV und Print - alles, was irgendwie mit Internet-Journalismus zu tun hat, a priori als neumodischen, inkompetenten Schmarrn abtun.)
