Schnatternde Politiker: Hubertus Heil und Twitter
27. August 2008 von SG
to twitter
(intransitive) to utter a succession of bird’s chirps
(intransitive) (of a person) to talk in an excited or nervous manner
[Wiktionary]
Der SPD-Generalsekretär, Hubertus Heil, twittert, das heißt, er benutzt den Online-Dienst www.twitter.com, um Dinge, die er für mitteilenswert hält, der Öffentlichkeit mitzuteilen, und zwar begrenzt auf jeweils maximal 140 Zeichen. Twittern funktioniert vom PC aus genauso wie vom Handy, mehr darüber erfährt man in der Zeit oder in der FAZ.
Heil besucht gerade den Nominierungsparteitag der US-Demokraten in Denver und twittert bzw. schnattert so einiges über den Atlantik. Eine Auswahl seiner Nachrichten von Montag und Dienstag:
das interessanteste kommt noch. spannend ist aber schon jetzt, dass sich die ganze stadt mit der convention identifiziert
[...]
schilder in jeden geschaeft, unglaublicher trubel auf den strassen…
[...]
Jetzt geht die convention gleich los. Trinken noch ein glass wein mit dem genossen kalina von der spoe und dem deutschen botschafter schario
[...]
Ted kennedy war super. Der kracher war die rede von michelle obama. Starke frau. Barack soll sie “my rock” nennen.
[...]
Heute ist hillarys tag!
[...]
Am rande der convention wird jetzt vor allem eine frage diskutiert:wie wird hillary heute abend ihre unterstuetzung fuer obama praesentieren
[...]
Hillary bezeichnet sich als stolze obamaunterstuetzerin und wirbt fuer einigkeit der demokraten. Kommt natuerlich hervorragend an.
[...]
Habe mir eben nochmal hillarys rede im hotel angesehen. Meisterhaft.
[...]
Bevor ich jetzt schlafen gehe noch ein gestaendnis: Gebe zu den sushivorsatz von gestern nicht realisiert zu haben.
Natürlich ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Die Süddeutsche findet Heils Gezwitscher “peinlich”, Spiegel Online lästert:
Die Demokraten-Show in Denver wirkt wie ein Jungbrunnen auf den 35-Jährigen - oder es liegt am Internet. Jedenfalls sind die Einträge durchweg in einem Jargon gehalten, der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.
Ein CSU-affiner bayrischer Blogger meint:
Heil führt dieses Medium mit seinen nichtssagenden, klischeehaften bis peinlichen Kurzkommentaren recht ad absurdum. Offensichtlich ist er unfähig, kritisch zu denken, ganze Sätze zu formulieren und reflektiert zu argumentieren.
Aber es gibt auch positive Reaktionen. Peter Hogenkamp betrachtet von der Schweiz aus das Geschehen und findet Heils Umgang mit Twitter “ziemlich authentisch”. Thomas Knüwer vom Handelsblatt schreibt in seinem Blog:
Es ist leicht, Heils Twitter-Berichte runterzumachen. Manche sind wirklich platt, andere bringen kurze Stimmungsmomente, einige auch kleine Schmunzler. Aber: Hier macht sich ein Politiker ansprechbar.
Frank Helmschrott schließlich findet es gut, dass Heil nicht nur die üblichen “Pressemitteilungen und 0815-Gedöns” von sich gibt.
Natürlich sind Heils Kurzmitteilungen häufig – jedoch nicht immer – banal. Nicht umsonst heißt es ja Geschnattere. Aber was wollen wir eigentlich? Wollen wir Politiker, die so sind wie wir, sich mit neuen Medien auskennen und sie benutzen, oder wollen wir Politiker wie Michael Glos, der ja einmal öffentlich – und voller Stolz – erklärt hat, für die “Benutzung des Internet” greife er auf seine Mitarbeiter zurück? Wenn Heils Äußerungen nicht perfekt und mitunter banal sind, dann heißt das im Fall Twitter doch nur, dass er verstanden hat, worum es dabei geht: Kurze, spontane Mitteilungen über das, was man gerade macht, was man erlebt und was man darüber denkt. Insofern ist der fünfunddreißigjährige Heil auf dem richtigen Weg, wie auch Wolfgang Lünenbürger findet:
[...] wenn man sich das anschaut, was Heil da macht, ist es wirklich erstaunlich. Denn einerseits “redet” er wirklich mit denen, die ihm zuhören, beantwortet Fragen und ist direkt ansprechbar (zu erkennen an den zahlreichen Tweets, die ein “@abc” dabei haben, also auf den Twitteruser “abc” eingehen), andererseits nutzt er Twitter genau so, wie es auf Konferenzen und unterwegs möglich ist - direkt vom Mobiltelefon, hier vom Blackberry aus [...] Und zum dritten - und vielleicht für Leute, die Twitter und Heil eher von weiter weg beobachten, am überraschendsten: Es interessiert seine “Follower”, wie die Zuhörer bei Twitter heißen. Sie werden auch immer mehr [...]
