Clement und die SPD 3

25. Januar 2008 von SG

Seit ich hier und hier darüber geschrieben hatte, hat sich das Verhältnis von Clement und SPD nicht gerade verbessert. Clement hat mehrmals offen davor gewarnt, in Hessen SPD zu wählen: erst in einem Interview mit der Welt am Sonntag, dann in Plasbergs “hart aber fair”.

Dass die SPD nicht besonders zimperlich mit ihm umgehen würde, war natürlich klar. Aber auch in der Öffentlichkeit wird Clement kritisiert. Hauptargument der Kritik: Clement hat einen Aufsichtsratsposten beim Energiekonzern RWE inne, also sei er ein gekaufter Lobbyist, der dafür bezahlt werde, gegen die Atomkraftgegnerin Ypsilanti Stunk zu machen. Clement selbst wehrt sich dagegen: Seine Äußerungen seien keineswegs ein Dolchstoß gegen Ypsilanti, sondern nur Ausdruck eines “unüberbrückbaren Gegensatzes”, so Clement. Für 20.000 € im Jahr – soviel zahlt RWE ihm – sei er nicht käuflich – “da unterschätzen Sie mein Selbstwertgefühl”.

Nun ist es in der Tat so, dass Clement nicht erst seit gestern die energiepolitischen Positionen vertritt, die er jetzt vertritt. Schon zu rot-grünen Zeiten gab es mitunter Zoff zwischen Umweltminister Trittin und Clement. In der Tat ist es also wohl so, dass Clement im Aufsichtsrat der RWE sitzt, weil er die Atomausstiegspolitik der SPD-Linken für dumm hält – nicht andersherum. Es handelt sich offensichtlich um eine Korrelation, nicht um eine Kausalität. Ursache für Clements Äußerungen ist seine eigene Meinung. Clement hat Recht damit, dass es in der Tat ziemlich albern ist, ihm in diesem Zusammenhang Käuflichkeit vorzuwerfen.

Soviel zum Lobbyismus-Vorwurf. Aber es gibt noch die andere Seite: Ein SPD-Minister im Ruhestand fällt einer Spitzenkandidatin seiner Partei, die Aussichten hat, in Hessen einen Machtwechsel herbeizuführen, in den Rücken. Natürlich ist das ein Dolchstoß. Dass die gesamte SPD daraufhin über Clement herfällt, ist angesichts dessen nicht verblüffend. Clement hat die Regel Nr. 1 des innerparteilichen Umgangs gebrochen: Freiheit in der Diskussion – Geschlossenheit in der Aktion. Diese Regel, die Willy Brandt einmal so eingängig formuliert hat, gilt nicht nur bei der SPD, sondern bei jeder Partei, die Erfolg haben möchte. Diskutieren ist schön und gut – aber am Ende muss ein Ergebnis stehen. In der Praxis diskutiert man parteiintern – möglichst so, dass die Öffentlichkeit davon nichts mitbekommt – und einigt sich auf einen Kompromiss, der dann von allen Parteimitgliedern geschlossen gegenüber Presse und politischen Gegnern vertreten wird.

Es ist also eigentlich sehr überraschend, dass ein vermeintlicher Politikprofi wie Clement gegen diese Regel so eklatant verstößt. Ganz offensichtlich möchte der 67-jährige Clement in seiner Partei nichts mehr erreichen – denn dazu taugt ein solches In-den-Rücken-fallen nun wirklich nicht, wie ich hier schon geschrieben hatte. Plasberg war schon auf der richtigen Fährte, als er Rache als Clements Motiv vermutete.

Hinzu kommt aber auch, dass Clement noch nie für seine Feinfühligkeit bekannt war, sondern immer eher ein Freund rauher Töne. Schon die Agenda 2010 setzten Schröder und Clement auf eine Art und Weise gegen die Parteilinke durch, die letztlich dazu führte, dass die Partei im Frühjahr 2005 ihre Regierungsfähigkeit verloren hatte und Müntefering und Schröder die Notbremse zogen und für Neuwahlen sorgten.

veröffentlicht am 25. Januar 2008 um 13.33 Uhr
in Kategorie: Clement, Wolfgang (SPD), Innerparteiliche Demokratie, SPD

3 Kommentare »

  1. [...] herkommen soll, was dann die SPD und die PDS verteilen wollen? Weitere Blogs berichten hier:  Sebastian, Pantoffel, HNA, [...]

    Pingback von Linksruck durch Hessenwahl? — 26. Januar 2008 @ 16:23

  2. Ich weiß ja, dass Du Geschlossenheit in Parteien für besonders wichtig hälst und auf den ersten Blick klingt das auch sehr überzeugend. Ein Aspekt aber kommt mir dabei zu kurz, wenn man innerparteiliche Diskussionskultur nur auf den einfachen Gegensatz “Geschlossenheit - Meinungsvielfalt” reduziert.

    Wenn inhaltliche Debatten in einer Partei offen geführt werden, erhält sie dadurch die Chance, programmatisch größere Gruppen “mitzunehmen”. Ein Beispiel: Die Merzsche Steuerpolitik war wahrscheinlich innerhalb der CDU womöglich nie wirklich mehrheitsfähig, aber sie hat -bis Merz von Merkel kaltgestellt wurde- wirtschaftsliberalen Kreisen gezeigt: Auch für Euch gibt es in der CDU Ansprechpartner.

    Der Bürgerrechtsliberalismus von Baum, Leutheusser-Schnarrenberger und Hirsch spielt in der Programmatik der FDP derzeit allenfalls eine randständige Rolle, hält die Partei aber offen für Wähler, die Erbschaftssteuerdebatten nicht für den Kern liberalen Gedankengutes halten.

    Kommentar von niels | zeineku.de — 26. Januar 2008 @ 16:33

  3. [...] Die SPD ringt gerade mit sich selbst darum, ob sie Wolfgang Clement nun aus der Partei ausschließen soll oder nicht. (Zum Fall Clement hatte ich hier vor einiger Zeit schon mehrmals geschrieben, und zwar am 23.12.2007, am 24.12.2007 und am 25.01.2008.) [...]

    Pingback von Politik erklärt » Clement und die SPD 4: Parteiausschluss und Agenda 2010 — 2. August 2008 @ 16:30

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