Michael Glos Verhalten ist dumm, aber nicht verfassungswidrig
9. Februar 2009 von SG
Zum Wechsel von Michael Glos zu Karl-Theodor zu Guttenberg an der Spitze des Wirtschaftsministeriums ist am Wochenende und heute viel geschrieben worden. Zu dem Vorgang sind zwei Punkte zu bemerken:
1. Glos’ Brief an Seehofer war nicht verfassungswidrig
Am Samstag hatte Glos an den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer einen Brief geschrieben, in dem er recht deutlich klarstellte, dass er für das Amt des Wirtschaftsministers ab sofort nicht mehr zu haben sei. Gleichzeitig hatte Glos diesen Brief einem “Welt”-Journalisten (Martin Lambeck) zugeleitet. Es war also kein Versehen, dass die Öffentlichkeit am Samstag recht schnell über den Rücktrittswunsch von Glos erfuhr. Recht bald fanden darauf einige Beobachter heraus, dass Seehofer gar nicht zuständig wäre für eine Entlassung Glos’, denn in Art. 64 Grundgesetz heißt es ja schließlich:
Die Bundesminister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten ernannt und entlassen.
Warum also hat Glos seinen Brief an Seehofer geschrieben? In Zettels Raum wird gefragt:
Ja, in welcher Republik leben wir denn? Wem ist denn dieser Minister verantwortlich gewesen? Dem Ministerpräsidenten eines Bundesstaats? Dem Vorsitzenden einer regionalen Partei?
In der FAZ bezeichnet Günter Nonnenmacher Glos sogar als “Verfassungstrampel“. Sein Verhalten gefährde das Grundgesetz:
Der Fall Glos bricht mit [der] Tradition, weil die Wurstigkeit der Parteien im Umgang mit den Vorschriften des Grundgesetzes hier in aller Öffentlichkeit dokumentiert wurde. [...] [V]on der Verletzung dieser Formen zur Wurstigkeit im Umgang mit den Inhalten der Verfassung ist es nur ein Schritt.
Ralf Fücks beklagt mit ähnlicher Argumentation in der Süddeutschen sogar, der Staat werde durch diesen “glatten Verfassungsverstoß” zur Beute der Parteien. Ist also unsere Verfassung in Gefahr? - In der Tat müssten wir uns Sorgen machen, wenn das Verhalten eines Einzelnen, das zudem nicht einmal illegal ist, unsere Verfassung in Gefahr bringt. Zum Glück ist es nicht so.
Natürlich entlässt der Bundespräsident die Minister, wobei er an die Vorschläge der Kanzlerin gebunden ist. Trotzdem hat sich Glos prinzipiell an den Richtigen gewendet: Denn die Bundeskanzlerin ist abhängig von einer Regierungskoalition, und in der derzeitigen Koalition hat die CSU faktisch Anspruch auf das Wirtschaftsministerium. Warum sonst wären SPD und CSU im Kabinett vertreten? Wohl kaum, weil Merkel die SPD-Minister für so kompetent hält - schließlich bleibt die SPD der Gegner der CDU. In Wahrheit ist Merkel abhängig von CDU, SPD und CSU. In Zettels Raum wird behauptet, dass sei früher mal anders gewesen:
In den Anfängen der Bundesrepublik wurde so verfahren, wie das Grundgesetz es vorsieht. Es war Konrad Adenauer, der entschied, wer Minister wurde. Natürlich beriet er sich dabei mit dem Parteien seiner Koalition; aber niemand wäre damals auch nur auf den Gedanken verfallen, daß eine Partei am Kanzler vorbei bestimmen könnte, wer Minister wird. Es war, wie vom GG vorgesehen, das Vorrecht des Kanzlers, sich sein Kabinett zusammenzustellen; so, wie ein Trainer entscheidet, welche Mannschaft aufläuft.
Das stimmt nicht. Auch in den Fünfzigerjahren war Adenauer demokratisch eingebunden und musste auf Parteiflügel, auf die CSU, auf den Koalitionspartner und auf regionale Gruppen in der Partei Rücksicht nehmen. Genau betrachtet, ist dieses Verfahren übrigens sehr viel demokratischer als die alleinige Auswahl der Minister durch den Kanzler, die Zettel als Ideal vorschwebt. Denn der Bundeskanzler darf kein kleiner König sein, der ganz alleine entscheidet, was in Deutschland passiert. Stattdessen ist der Kanzler eingebunden in eine Regierungskoalition aus Parteien, die immer über eine Mehrheit im Bundestag verfügen muss und sich damit auch auf eine Mehrheit der Wählerstimmen berufen kann. Natürlich haben die Parteien in dieser Koalition eine dominante Rolle - warum auch nicht? Schließlich will niemand einige 100 individuelle Politiker, die er nicht klar zuordnen kann. Stattdessen haben wir eine Reihe von Parteien, was sinnvolle Kompromissfindung erst möglich macht. Dass Glos sich erst an Seehofer wendet, wenn er zurücktreten will, spiegelt diese Struktur nur wieder. Logischerweise hat Merkel sich übers Wochenende überwiegend ganz still verhalten. Glos und Seehofer kennen die Verfassung also durchaus.
2. Glos’ Vorgehen war unprofessionell
Glos’ Bitte an Seehofer war eigentlich keine Bitte. Die Bitte in Glos’ Wortwahl war eine rhetorische Floskel. Seehofer hat diesen Spalt genutzt und den Ball zurück in Glos’ Spielfeld spielen wollen und den Rücktrittswunsch zunächst einfach abgelehnt. Doch dabei hatte er ignoriert, dass Glos - sollte er wirklich im Amt bleiben - eine lahme Ente gewesen wäre, wie sie lahmer nicht sein kann. Wahrscheinlich war Seehofer das auch klar, und er wollte sich nur etwas Zeit kaufen, hat aber nicht bedacht, wie ein derartiges Hin-und-Her wirken muss:
Damit ist das Chaos erst einmal perfekt. Denn so ziemlich alle CSU-Größen sind sich zu diesem Zeitpunkt schon einig, dass der 64-jährige Glos nach seiner schrägen Nummer nicht mehr als allenfalls noch ein paar Tage zu halten sein werde.
Schon am Sonntagabend war die Erklärung Seehofers, Glos werde bleiben, nichts mehr wert. Mehrere Kandidaten wurden bereits diskutiert, am Montag schließlich stand Guttenberg als Nachfolger fest.
Glos und Seehofer verbindet offensichtlich eine langjährige Rivalität, vielleicht sogar Feindschaft. Am Samstagabend warf Glos Seehofer ein “abgekartetes Spiel” vor, weil im “Donaukurier” bereits am Freitag über eine mögliche Ablösung von Glos durch Thomas Bauer spekuliert wurde - mutmaßlich auf der Grundlage eines Hinweises durch Seehofer. (Der Donaukurier ist, wie Albert Schäffer in der FAZ bemerkte, seit Seehofers Aufstieg an die Parteispitze “Pflichtlektüre aller CSU-Beobachter”.)
Glos’ Vorgehen, gleichzeitig die Presse und Seehofer zu informieren, ist insofern erklärlich. Seehofer wurde ja auch von dem Brief - dazu noch am Wochenende! - unvorbereitet getroffen. Trotzdem wäre es besser gewesen für die Union, wenn Glos sein Vorhaben partei- und koalitionsintern angekündigt hätte und die Presse nicht vorab informiert gewesen wäre. So war es der Presse, der Opposition und auch der SPD ein leichtes, die CSU als “Chaotisch-Soziale Union” (Spiegel Online) zu bezeichnen, den ganzen Vorgang für “unwürdig” (Müntefering) zu halten und der Union Führungsschwäche und eine “Clownerie” (Westerwelle) vorzuwerfen.
(09.02.09, 20.44 Uhr: Bezugnahme auf Artikel von Nonnenmacher eingearbeitet.)
(10.02.09, 12.00 Uhr: Bezugnahme auf Artikel von Fücks eingearbeitet.)
