Christian Wulff betreibt Selbstkastration
18. Juli 2008 von SG
Christian Wulff (niedersächsicher Ministerpräsident, CDU) hat dem Stern ein Interview gegeben, dass im Sommerloch einiges an Aufmerksamkeit erregt. Grund ist diese Äußerung von Wulff:
Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles unterzuordnen.
Außerdem stellte Wulff unmissverständlich klar, dass er nicht Bundeskanzler werden will, weil er sich für dieses Amt nicht für kompetent hält. Er sei kein politisches Alphatier.
Die merkwürdigen Äußerungen Wulffs passen zu seinem merkwürdigen Verhalten der letzten Monate. Vor einiger Zeit hat er schon den Vorsitz der niedersächsischen CDU freiwillig abgegeben, und niemand weiß so recht, welches Ziel er damit verfolgte.
Die FAZ hat mit einem CDU-Präsidiumsmitglied gesprochen, der über Wulffs Kalkül spekuliert:
Die Pose des Machtfernen, der nur an der Sache interessiert sei, gefalle vielleicht vielen in Deutschland - eigentlich sei die Zeit aber vorbei, in der Macht wegen der deutschen Geschichte als „böse“ angesehen werde.
Das stimmt wohl tatsächlich. Der häufigste Vorwurf, der in Deutschland Politikern gemacht wird, ist der, sie seien nur an der Macht interessiert, nicht an einer wirklichen Verbesserung der Dinge. “Machtpolitiker” gilt gemeinhin als Schimpfwort. In Wahrheit aber beschreibt der Begriff eine Selbstverständlichkeit. Natürlich wollen Politiker Macht, um die Dinge zu verändern. Verschiedene Politiker haben zwar verschiedene Ansichten darüber, in welche Richtung die Änderungen gehen sollen - politische Fragen lassen sich eben nicht beantworten wie wissenschaftliche Fragen. Die allermeisten Politiker sind nicht nur an persönlicher Bereicherung interessiert - in der freien Wirtschaft lässt sich meist sehr viel mehr verdienen -, sondern wollen ihre Überzeugung davon, welche Politik für Land und Leute richtig ist, durchsetzen. Dafür brauchen sie Macht. Ein Politiker, der nicht nach Macht strebt, ist kein Politiker.
Das ist auch vollkommen legitim, solange sich die Politiker an die demokratischen Spielregeln halten: Die Macht wird den Politikern auf begrenzte Zeit verliehen, und sie kann sehr schnell wieder entzogen werden - was dann mitunter zu einer harten Landung führt, wie Gerhard Schröders Auftreten im Fernsehen bei der Elefantenrunde nach der Bundestagswahl 2005 zeigt.
Insofern sind Wulffs Äußerungen in der Tat sehr verstörend, denn er sagt im Kern: Ich will kein Politiker mehr sein. Wulff betreibt Selbstkastration. Sein Parteifreund Roland Koch in Hessen ist da offenkundig aus anderem Holz geschnitzt, wie Spiegel Online weiß:
So einen Satz würde Koch nicht mal denken. [...] Wenn man Koch nach solchen Vorgängen fragt, erntet man ein Stirnrunzeln. Die randlose Brille schiebt sich vor Erregung nach oben, die Unterlippe presst er nach vorn. “Tja, wenn einer schon freiwillig den Parteivorsitz abgibt … ” - murmelt Koch. [...] Mit grundlosem Machtverzicht kann man in der Politfirma Koch eben nichts anfangen. Genauso gut könnte man einem Marathonläufer vorschlagen, es doch mal zur Abwechslung mit Minigolf zu versuchen.
Egal, ob man Roland Koch mag oder nicht - ganz offenkundig steht er zu seinem politischen Programm und will dies auch unbedingt umsetzen. Bei Andrea Ypsilanti ist es wohl genauso. Weder Koch noch Ypsilanti sollte man vorwerfen, dass sie versuchen, an der Macht zu bleiben bzw. an die Macht zu kommen, einmal abgesehen von der Frage der Koalitionsaussagen vor der Wahl.
Letztlich sind Politiker wie in Hessen, die polarisieren und den Wähler motivieren, in der einen oder anderen Richtung von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen, sehr viel förderlicher für die Demokratie als Christian Wulff, der offenkundig nicht so genau weiß, warum er eigentlich Politiker ist.
